Fransen (positiv)
Filzstift auf Papier (transfer drawing),
30,5 x 21,4 cm, 2020

App-Download

An dieser Stelle ist unmittelbar vor Ausstellungsbeginn der Link zur Applikation M3DS zu finden. Es wird empfohlen, die App vor Besuch der Ausstellung auf Ihrem Smartphone zu installieren.

Die App wurde eigens für die Ausstellung Mirror 3 Dejan Spasovski entwickelt. Anhand eines Verschränkungsalgorythmus wird das analoge Bild in seine Punktwolkenentsprechung überführt und erscheint auf dem Smartphone.

Nach der Installation öffnen Sie die App und halten Sie die Kamera vor dieser Arbeit:

Temple
Öl und Bleistieft auf Leinwand, 100 x 70 cm, 2021

Verschränkungsalgorythmus

Der Begriff der Verschränkung wird in der Quantenphysik verwendet und ist Teil der Beschreibung eines komplexen und als wundersam erscheinenden Phänomens der Physik. Die Quantenphysik ermöglicht ein Verständnis über Verbindungen, das sich von dem, was wir als intuitiv bezeichnen würden, abgrenzt. Der Zustand eines Systems ist nicht auf Grundlage wohlgeformter Zustände seiner zugrundeliegenden Teilsysteme zu erklären, denn diese können nicht nur für sich alleine stehen, nicht vom gesamtsystem getrennt werden. Zudem stehen die Zustände eines Teilsystems in Verbindung zueinander. Es ist nur möglich, den quantenphysikalisch verschränkten Zustand eines Systems und sein Verhalten zu erfassen, bzw. zu erklären, wenn alle Möglichkeiten, also Zustände betrachtet werden. Die Betrachtung, also die Messung, entscheidet darüber, welche Möglichkeit auftritt und dies nach Wahrscheinlichkeitsverteilung. Der Zustand eines Teilsystems ist also ganz evident von der Betrachtung abhängig, zudem ist ein korrelierendes Teilsystem ebenfalls wahrscheinlichkeitstheoretisch mit dieser Betrachtung verknüpft. Könnte uns die Natur noch mehr sagen: Die Betrachtung ist wichtiger Entscheidungspunkt eines Zustandes und vielleicht auch deshalb ein wichtiges Kriterium in der makroskopischen Sphäre Kunst.

Die Kunst hat in ihrer Geschichte stets mitentwickelt und verarbeitet was jeweils Gegenwart war und aufkommende Ideen anderer Gebiete aufgegriffen und ästhetisch gefasst. Es verwundert daher nicht, dass die bildende Kunst heute das Digitale Feld nicht nur nutzt, sondern in ihm aufgeht, es erobert und sich zu eigen macht. In der Verschränkung sieht Dejan Spasovski die Essenz dessen, was physikalisch, psychologisch und philosophisch in seiner Zeit von statten geht. Es ist das Viele, was in Verbindung steht und sich stets in Verschiedenen seiner möglichen Zustände zeigt. Es sind Malereien, deren Gegenstände, Ausdrücke und Techniken stets wandeln und doch in spukhafter Verbindung zueinanderstehen. Mit der Ausstellung „Mirror 3 Dejan Spasovski“ spannt der Künstler den Bogen zur digitalen Sphäre, jenem Gebiet, welches in seiner Zeit Maßstäbe setzt, wenn z.B. das Metropolitan Museum of Art in New York in „Unsupervised – Machine Hallucinations -MoMa“ künstliche Intelligenzen Bilder lesen lässt, oder wenn in Düsseldorf eine Augmented-Reality Biennale, eine Art Open-Air Skulpurenausstellung stattfindet.

Doch während die einen sich ausschließlich auf optische Effekte oder Nützlichkeitserwägungen stürzen, ertastet Spasovski das Wesen der Malerei und versetzt es in einen verschränkten Zustand zum Digitalen. In seinem neuen Projekt entstehen Wolken aus Punkten, um eine von Natur aus flächige Malerei, in eine neue Entität zu transferieren. So genannte Punktwolken sind Elemente einer möglichst akkuraten, dreidimensionalen Entsprechung real existierender Gegenstände, wie etwa von Architektur oder Skulptur. Sie sind daher nicht nur ein Abbild, ähnlich einer Fotografie, sondern eine dreidimensionale Variante des „Zustandes“ mit dem sie in Verbindung stehen. Das Rezipieren wird bei diesem Vorgehen von einem eigens programmierten Algorithmus übernommen, welcher nach Kriterien der Bildwahrnehmung (etwa Kontraste, Licht, Linienführung etc.) abläuft. Es ist eine Art Digitales Auge, welches die Malerei betrachtet und sie in seine Welt überführt, in welcher sie sich quasi als Skulpturenmalerei entfaltet. Die Punktwolke wird durch diesen Verschränkungsalgorithmus stets ein Kunstwerk für sich sein und sich doch in Bezug zu seiner analogen Entsprechung befinden.

Doch auch die menschlichen Betrachtenden werden nicht vergessen sondern im Gegenteil stark in dieses Netz der Betrachtung, Entstehung und Verbindung einbezogen. Die Besucher*innen der Ausstellung erhalten die Möglichkeit durch eine Applikation die Punktwolke vor der Malerei entstehen zu lassen. Mithilfe eines Endgerätes emanzipieren sie sich ein stückweit von der sonst meist frontalen Art der Betrachtung und können in die Punktwolkenmalerei eintauchen, sie durchlaufen und sie als Installation rundherum erforschen. Sie können diese mit Nachhause nehmen und immer wieder, als optisch im realen Raum befindend, erleben. Sehgewohnheiten werden so aufgebrochen, die Malerei entwickelt sich weiter und die Verschränkung der Kunst mit sich selbst in all ihren Teilsystemen wird offenkundig.

Dejan Spasovski kann auf diese Weise seine Kunst der Verschränkung auf eine neue Ebene befördern und gleichzeitig einen bedeutenden Beitrag zum digitalen Bezug der Malerei ausloten. Ein faszinierendes Spiel mit Punkten, Farben und Raum; Das Betrachten des Digitalen im Analogen und der Zustände der Malerei, die sonst im unmessbaren geblieben wären.

SSH 2021